Wiedikon

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Brunnen Schmiede Wiedikon

Wenn der Falken-Stammtisch erzählen könnte ...

Der Stammtisch des Männerchors Wiedikon von 1931, restauriert durch Max Kurzen Der Stammtisch des Männerchors Wiedikon von 1931, restauriert durch Max Kurzen
Bis 1995/96 stand er im alten Gasthof Falken (heute Falcone): der prächtige Stammtisch des Männerchors Wiedikon von 1931. Damals – vor fast 90 Jahren – hatte der altehrwürdige Gesangsverein sein 100-jähriges Jubiläum gefeiert. Als Geschenk spendierten ihm fünf Musikvereine aus Zürich und Umgebung einen massiven schweren Eichentisch mit eingraviertem Wappen.

Über 60 Jahre stand dieser Stammtisch im traditionellen Vereinslokal Falken an der Schmiede Wiedikon. Hunderte, ja Tausende von Personen sassen darum herum. Politisierten, jassten, assen, tranken und redeten über Gott, die Welt und das Vereinsleben. Wenn so ein Stammtisch erzählen könnte! Der Stammtisch des Männerchors diente nicht nur den eigenen Sängern und Vereinsaktivisten, sondern tout Wiedikon als geselliger Treffpunkt und Wirtshaustisch.
So sah der Gasthof Falken aus, als der Stammtisch des Männerchors Wiedikon 1931 hier seinen Platz fand So sah der Gasthof Falken aus, als der Stammtisch des Männerchors Wiedikon 1931 hier seinen Platz fand
Irgendwann nagte der Zahn der Zeit am schönen schweren Möbel. Der ursprünglich hellbraune Tisch wurde dunkel, fast schwarz. Sein eingraviertes Wappen in der Mitte und das Schriftband rund herum wurden unleserlich. Zudem wechselten die Wirte; und die Eigentümer, früher die Gemeinde Wiedikon, heute die Stadt Zürich, sanierten immer mal wieder die Einrichtung des 400 Jahre alten Gebäudes. So kam es, dass im Jahr 1996 der alte einem neuen Stammtisch Platz machen musste.
Eingraviertes Wappen des Männerchors zum Hundertjahr-Jubiläum 1931 Eingraviertes Wappen des Männerchors zum Hundertjahr-Jubiläum 1931
"Ich kann mich gut erinnern, wie mich Quartiervereins-Präsident Laurenz Styger anrief und sagte: Du, vor dem Falken steht der alte Stammtisch – die wollen ihn entsorgen!", erzählt Max Kurzen, damals Präsident des benachbarten Quartiervereins Triemli. Beide fanden es jammerschade, den wunderschönen Tisch in der städtischen Kehrichtverbrennung enden zu lassen. Nach kurzer Rücksprache mit dem Männerchor holten Styger und Kurzen den Tisch in einer Blitzaktion aus der Mülltonne und brachten ihn in Kurzens Garten oberhalb des Triemli. Malermeister Kurzen machte sich daran, den Tisch während drei Monaten eigenhändig abzuschleifen und zu reinigen. So steht das Juwel – nach einem kurzen Zwischenhalt in einer Hütte auf dem Uetliberg – heute wieder im Gartenhaus von Max und Ingrid Kurzen.
Gesellige Runde vom 18. Juli 2019: Von links Hermann Schumacher, Urs Rauber, Bruno Zimmermann und Max Kurzen Gesellige Runde vom 18. Juli 2019: Von links Hermann Schumacher, Urs Rauber, Bruno Zimmermann und Max Kurzen
Diese Geschichte liess Dieter Saxer, Mitglied des Quartiervereins Wiedikon, aufhorchen. Zusammen mit Max Kurzen organisierte er diesen Sommer einen geselligen Anlass in dessen Garten. Thema: die bewegte Geschichte des früheren Stammtisches im Falken. Mit dabei der heutige Präsident des Quartiervereins Wiedikon Urs Rauber, Quartiervereins-Ehrenmitglied und Zünfter Hermann Schumacher, Männerchor-Ehrenmitglied Bruno Zimmermann sowie der neue Präsident des QV Triemli Erich Müller Vils. Es war eine fröhliche und erzählfreudige Runde, die von Ingrid Kurzen mit Getränken und einem feinen Wurstkäsesalat bewirtet wurde.
Männerchor Wiedikon in der Kirche St. Jakob, 1992 Männerchor Wiedikon in der Kirche St. Jakob, 1992
Ein Kapitel für sich wäre die Geschichte des Männerchors Wiedikon. Im Jahr 1831 spaltete sich dieser vom noch älteren Gemischten Chor (gegründet 1823) ab. "Denn die Männer wollten lieber alleine singen", berichtet Hermann Schumacher, der passionierte Hobbyhistoriker beim Treffen. Mit über 100 Sängern hätten die Wiediker zeitweise einen der besten Chöre der Schweiz besessen, der auch an Eidgenössischen Sängerfesten auftrat. Irgendwann gegen Ende des 20. Jahrhunderts setzte allmählich der Niedergang ein. Bis sich der Männerchor schliesslich im 188igsten Jahr (!) seines Bestehens 2018 auflösen musste: aus Altersgründen und wegen fehlenden Nachwuchses.

Der Stammtisch allerdings ist noch da. Wer weiss, ob sich irgendwann ein neuer Chor aus Wiedikon und dem Triemli bildet, vielleicht wieder verstärkt mit Frauenstimmen? Die fröhliche Runde bei Max Kurzen jedenfalls würde gerne darauf anstossen. Und Initiant Dieter Saxer schlägt vor, Quartiergespräche im "Weisch no?"-Stil in lockerer Folge weiterzuführen. Hier der kurze Film zum Stammtisch-Gespräch vom 18. Juli 2019.

Video "Der Stammtisch": 08:17 Min, Zürich, August 2019, von Dieter Saxer.