Quartierverein Wiedikon

Ein Wiediker Bub schüttelt Adolf Hitler die Hand

Glauben Sie nicht? War aber so. Der sechsjährige Junge widersprach sogar dem Führer – zum Entsetzen seiner Umgebung. Die verbürgte Geschichte steht im soeben veröffentlichten 70-seitigen Büchlein von Hermann Schumacher «Wiediker Kindheitserinnerungen». Als Kostprobe hier ein kurzer Auszug aus einem von 15 Kapiteln.

Keine Angst vor grossen Tieren

Der sechsjährige Hermann Schumacher an seinem ersten Schultag 1939 – im Jahr, als er Reichskanzler Hitler vorgestellt wurde Der sechsjährige Hermann Schumacher an seinem ersten Schultag 1939 – im Jahr, als er Reichskanzler Hitler vorgestellt wurde
Zur Vorgeschichte muss man wissen, dass Hermanns Mutter Maria Schlachter, eine Schauspielschülerin aus München, als 22-Jährige nach Zürich kam, hier Jakob Schumacher kennenlernte, diesen 1929 heiratete und mit ihm zusammen fünf Kinder bekam. Das älteste war Hermann, geboren im Mai 1933, genannt «Mandi».

«Im Mai 1939, die Schweizerische Landesausstellung «Landi 39» wurde gerade in Zürich eröffnet, hat mich meine Mutter auf eine Reise nach Deutschland mitgenommen. Unsere Reise kam auf Einladung von einigen Kolleginnen aus ihrer Zeit an der Schauspielschule in München zustande. Nach all den Jahren sollte es ein grosses Wiedersehen mit den ehemaligen Schauspielkolleginnen auf dem «Berghof» im Hause des Führers Adolf Hitler in Obersalzberg geben. Eine gute Freundin des Führers gehörte auch zum Kreis der damaligen Schauspielschülerinnen, dadurch kam dieses Treffen überhaupt zustande.

Wir fuhren also mit der Bahn von Zürich nach München und weiter nach Berchtesgaden, dann mit dem Auto die steile Strasse hinauf zum «Berghof». Der Empfang der Schauspielerinnen fand auf der grossen Terrasse vor dem Haus statt. Es herrschte eine fröhliche Stimmung. Die ehemaligen Schauspielschülerinnen begrüssten sich mit grosser Freude, und ich fühlte mich schon sehr besonders, denn ich wurde überall vorgestellt und freundlich begrüsst von den sehr elegant gekleideten Damen. Einzig die anwesenden Männer in ihren dunklen Uniformen mit ihren vielen Abzeichen und den mächtigen Mützen, die sie auf ihren Köpfen trugen, machten mir etwas Angst.

Von den Damen wurde eine nach der anderen dem Hitler vorgestellt und von ihm begrüsst. Als meine Mutter an der Reihe war, stellte sie mich vor sich. Hitler nahm meine Hand und sagte: «So, und da haben wir das kleine Hermännchen aus der Schweiz.» Da antwortete ich ganz trotzig: «Ich bin nöd das Hermännchen, ich bin de Mandi.» Er sah mich erstaunt an, und meine Mutter ganz blass vor Schreck wäre am liebsten im Erdboden versunken. Sie entschuldigte sich mehrmals in aller Form. Natürlich haben dies auch einige der Gäste mitbekommen, die unmittelbar danebenstanden. Für sie war mein Benehmen dem Führer gegenüber inakzeptabel und frech, was meine Mutter postwendend zu spüren bekam mit verächtlichen Blicken und Gerede. Also nahm sie mich an der Hand und wir reisten so schnell wir konnten wieder ab.»

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Hermann Schumacher, der nächsten Sommer 90 wird, ist zugleich Augenzeuge und glänzender Erzähler der Zeitgeschichte. Beim Treffen mit Hitler war auch die deutsche Schauspielerin Brigitte Horney (1911-1988) dabei, die damals am Stadttheater Basel arbeitete. Von ihr ist im Büchlein ebenfalls die Rede. Im weiteren von Maria Schumachers Briefen an Bundesrat Philipp Etter. Von Hermanns Begegnung mit Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler. Vom Weihnachtsstollen, den der 13-Jährige für den Komponisten Franz Lehar ins Hotel Baur au Lac geschmuggelt hat. Die Erinnerungen des Wiediker Urgesteins handeln von Abenteuern, dramatischen Bubenstreichen ebenso wie vom Vereinsleben im Ziegeldorf, von Armut und Wohnungssuche im Wiedikon der 1940er und 1950er Jahre. Und vom ersten Start-up, das Hermi mit 15 gründete: ein Waschmaschinen-Mietservice im Kreis 3. Ein Büchlein voller Überraschungen, pointenreich erzählt und von grossem Unterhaltungswert.
Hermi (3.v.l.) träumte davon, Velorennfahrer und Kunstmaler zu werden. Hier mit seiner Familie 1947
Hermi (3.v.l.) träumte davon, Velorennfahrer und Kunstmaler zu werden. Hier mit seiner Familie 1947
Hermi Schumacher heute
Hermi Schumacher heute
Haben wir Ihr Interesse geweckt? Suchen Sie eventuell noch ein Weihnachtsgeschenk – für eine passionierte Wiedikerin, eine Leseratte oder einen historisch interessierten Grossvater? Dann greifen Sie jetzt zu!
Sonderdruck des Quartiervereins, Zürich-Wiedikon im Dezember 2022 Sonderdruck des Quartiervereins, Zürich-Wiedikon im Dezember 2022
Sonderdruck Quartierverein Wiedikon (Hrsg.)
Wiediker Kindheitserinnerungen von Hermann Schumacher. Zürich, Dezember 2022. 72 Seiten, CHF 15 für Mitglieder und Freunde des Quartiervereins (Normalpreis CHF 25) zuzüglich Porto und Versand.
Das Buch ist nicht im Handel erhältlich. Bestellungen exklusiv über: info@quartierverein-wiedikon.ch. Folgende Angaben sind obligatorisch: Vorname, Name, Postadresse, Anzahl Exemplare, QV-Mitglied oder nicht.
Bis spätestens 19. Dezember 2022 (Mitternacht) eintreffende Bestellungen werden noch vor Weihnachten ausgeliefert. Spätere Bestellungen innerhalb einer Arbeitswoche.

SAVE THE DATE: Am Donnerstag, 19. Januar 2023, um 19.00 Uhr findet im Ortsmuseum Wiedikon, Steinstrasse 8, die offizielle Buchvernissage mit Hermann Schumacher und Ursula Tschirren statt. Anmeldung obligatorisch – der Einladungsflyer wird anfangs Januar verschickt.