Quartierverein Wiedikon

Klein, aber fein

Dieses Jahr findet zum 44. Mal die Wiediker Kunstausstellung statt. Ein Schnapszahl-Jubiläum sozusagen. Fast wäre die Exposition Ende Juli ins Wasser gefallen, weil die beiden Kuratorinnen mitten in der Vorbereitung (aus persönlichen Gründen) ausstiegen. Zum Glück konnte der Vorstand rasch eine Ersatzlösung aus dem Hut zaubern. Peter Suter, seit Frühling Aktuar des Quartiervereins und selber Fotokünstler, sprang beherzt ein und organisierte «in ruhiger und besonnener Art», wie eine Teilnehmerin begeistert schrieb, die diesjährige Ausstellung. Sie ist eher klein, aber fein. Denn die Vorgängerinnen hatten entschieden, nur 10 Kunstschaffende einzuladen und sich auf zwei Vernissagen zu beschränken.

Am Samstag, 30. September konnte Quartiervereinspräsident Urs Rauber schliesslich gut 50 Personen im Ortsmuseum zur ersten Vernissage willkommen heissen. Er stellte drei Künstlerinnen und zwei Künstler vor – alle aus Wiedikon, zwei davon erstmals dabei. Aya Räber Kobayashi, geboren in Japan, lebt seit 10 Jahren in der Schweiz. In ihrer Heimat war sie Mitgründerin des Kunstateliers «Pangea», das 2008 in Lausanne eine Ausstellung der Art brut (Kunst geistig behinderter Menschen) durchführte: «Das hat mein inneres Feuer entfacht.» Nun stellte Aya ihre eigenen Collagen vor, geschnitten, geklebt, neu kombiniert: viele davon Frauenfiguren in ungewohnter Umgebung. Ebenfalls neu ist das Werk des selbständigen Grafikers Christian Elmiger, der neben grossformatigen abstrakten Bildern auch doppelseitig bedruckte farbige Karten präsentierte, die Besucherinnen und Besucher kostenlos mitnehmen durften. Seine Themen sind der Mensch in der Vereinsamung und seine spirituellen Erfahrungen. Mehr dazu auf seiner Website.
Teilnehmer der ersten Ausstellung (ab 3. Person von rechts): Peter Sand (ganz in schwarz), Ursula Badertscher, Christian Elmiger, QV-Präsident Urs Rauber, Ursa Wyss und Aya Räber (verdeckt, mit Kind auf den Armen)
Teilnehmer der ersten Ausstellung (ab 3. Person von rechts): Peter Sand (ganz in schwarz), Ursula Badertscher, Christian Elmiger, QV-Präsident Urs Rauber, Ursa Wyss und Aya Räber (verdeckt, mit Kind auf den Armen)
Grosses Interesse bei der Vorstellung der fünf Kunstschaffenden am 30. September
Grosses Interesse bei der Vorstellung der fünf Kunstschaffenden am 30. September
Zum festen Bestand der Wiediker Künstlerinnen gehören Ursula Badertscher und Ursa Wyss, die seit Jahren am Anlass teilnehmen. Ursula Badertscher spielt mit Farben und Worten: «Malen verstehe ich als InspirAktion». Ihre Themen sind Meer, Korallenriffs, Sand, Natur und auch Modebilder (Instagram). Ursa Wyss, Autodidaktin wie die meisten, brachte diesmal einige grössere Bilder mit. Die gedämpften Texturen früherer Bilder wurden von leuchtenden Farbtönen abgelöst. Es sind meist abstrakte Gemälde, ein paar mit figürlichen Einsprengseln.

Peter Suter mit Künstlernamen Peter Sand lebte viele Jahre in den USA und in der Romandie. Er stellt seine Werke an zahlreichen Orten in der Schweiz aus, kürzlich auch in Roveredo GR. Im Ortsmuseum Wiedikon zeigte er expressionistische Fotos, deren Sujets er auf seinen Streifzügen durch die Landschaft findet. Mehr zu den Drucken auf Leinwand oder Forex auf seiner Website.

Das Interesse an Kunstausstellungen des Quartiervereins scheint ungebrochen. Zusammen mit Helferinnen und Helfern aus dem Vorstand organisierte der QV auch dieses Jahr den vierwöchigen Event, kreierte den Flyer, schaltete Inserate, fand Sponsoren – wiederum die Zürcher Kantonalbank – und spendierte den traditionellen Apéro. Für Kunstschaffende gibt es kaum eine preiswertere Möglichkeit, ihre Werke auszustellen, beträgt doch die (einmalige) Teilnahmegebühr bloss 50 Franken.
Der Apéro wie immer gestiftet vom Quartierverein, hier mit Vorstandsmitglied Doris Egli
Der Apéro wie immer gestiftet vom Quartierverein, hier mit Vorstandsmitglied Doris Egli
Angeregte Gespräche im Ortsmuseum zwischen Künstlerinnen und Besuchern (© loragrigorylinden 2023)
Angeregte Gespräche im Ortsmuseum zwischen Künstlerinnen und Besuchern (© loragrigorylinden 2023)
Die zweite Vernissage vom Samstag, 14. Oktober, erbrachte gar einen Rekordbesuch. Über 70 Personen drängten sich in die niedrigen Räume des über 300 Jahre alten Wiediker Hauses. Das erste Mal dabei war Gaby Kutner, die als frühere Angestellte eines Musikverlages von Bild und Ton fasziniert ist. Ihre Bilder in Aquarell und Acryl zeigen Szenen aus der Stadt Zürich (Europaallee, Neumarkt), den Hof ihrer Wohnsiedlung sowie Aktzeichnungen. Einiges ist auf Instagram zu sehen.

Zum wiederholten Mal stellten Madeleine Basler und Lucia Amorino aus. Die Gemälde von Madeleine Basler sind auf Stoffstreifen angebracht und stehen unter dem Motto «Reisebilder zum Du». Auf die Idee der platzsparenden Drahtbügel mit Leinwand kam sie, als sie vor einigen Jahren mit ihrem kleinen Auto über 30 Exponate an eine Ausstellung in Kärnten (Österreich) transportieren sollte. Einige der Exemplare sind in der jetzigen Ausstellung zu sehen. Die Bilder von Lucia Amorino hingegen sind thematisch von ihrer Herkunft an den Hängen des Vesuvs nahe Neapel geprägt: das Meer, Blumen, Landschaften, Frauenfiguren. Alles sehr ausdruckstark, kontrastreich und phantasievoll. «Ich liebe die Schönheit und male sie: Natur und Mensch, insbesondere Frauen, weil ich eine Frau bin und es liebe zu sein.»
Lucia Amorino stösst vor ihren Bildern mit Gästen an
Lucia Amorino stösst vor ihren Bildern mit Gästen an
Augenfällige grossformatige Bilder von Cookie Fischer-Han ((© loragrigorylinden 2023)
Augenfällige grossformatige Bilder von Cookie Fischer-Han (© loragrigorylinden 2023)
Sonja Kägi hat mit Cyanotypie eine alte Drucktechnik wiederbelebt
Sonja Kägi hat mit Cyanotypie eine alte Drucktechnik wiederbelebt
Ausländische Wurzeln hat auch Cookie Fischer-Han, geboren in Seoul (Südkorea), die aber seit 1990 in Zürich lebt und hier künstlerisch arbeitet. Sie wendet sich wechselweise der figurativen sowie der abstrakten Malerei zu, mit einem breiten Technikspektrum: Erde, Zement, Teer, Marmorpulver, Terpentin. In der aktuellen Ausstellung zeigt sie grossformatige Gemälde mit starker Kontrastwirkung. Mehr dazu auf ihrer WebsiteSonja Kägi schliesslich präsentiert mit ihren «Cyanotypie»-Drucken eine Fototechnik aus dem 19. Jahrhundert, vereinfacht gesagt einer Belichtungstechnik, die auf chemischen Prozessen (Rostbildung) beruht. Thematisch zeigt sie gegen 50 Bilder zum Thema «Räderwerk und andere Gestirne». Auch sie verfügt über eine Homepage.

Die Ausstellung der zweiten Bilderserie ist noch geöffnet bis 27. Oktober, täglich von 16 bis 19 Uhr (ausser Montag). Eintritt frei. Das Programm ist hier zu finden.