Quartierverein Wiedikon

Wiedikon: Vom Bauerndorf zum trendigen Stadtquartier

Geschichtsserie 2022 (1)

Mit freundlicher Genehmigung der Zunft zu Wiedikon und der Verfasser Hansruedi Frischknecht und Hermann Schumacher publizieren wir drei (leicht gekürzte) Auszüge aus der Festschrift «125 Jahre Zunft zu Wiedikon» (Selbstverlag, Zürich 2022).

Mit der Eingemeindung in die Stadt Zürich 1893 entwickelte sich Wiedikon vom ehemaligen Bauerndorf zu einem vielseitigen Quartier, dem Kreis 3. Wiedikon war ein Haufendorf: Die Häusergruppen waren zerstreut um das Zentrum, den Schmiedeplatz, angeordnet. Etwas entfernt die Höfe «Im Wyl», «In der Au», das «Köchligut», der «Friesenberg» und das «Heuried». Von ca. 1870 bis 1880 kamen grössere Bauten im «Aegerten» und «Giesshübel» dazu. Ab dem Jahr 1911 verbreiteten sich Baugenossenschaften: Berowisa, Familienheimgenossenschaft (FGZ) und weitere. Auch städtische Liegenschaften wurden gebaut, z. B. auf dem Bühl. Nach den Abbrüchen der Ziegeleien entstanden grosse Bauvorhaben: Heuried, Brunau, Tiergarten. Auch nicht mehr gebrauchtes Landwirtschaftsland wurde zu Bauland umgezont.

Dass sich Wiedikon entwickelt hat, zeigte sich auch darin, dass sich zeitweise fünf Bankfilialen um den Schmiedeplatz befanden. 1970 wurde das Stadtspital Triemli eröffnet und 2016 um ein neues Bettenhaus erweitert.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Wiediker Gewerbe hauptsächlich geprägt durch die Landwirtschaft, Fuhrhalter, Schmiede, Küfer, Wagner, Gärtnereien, Färbereien und namentlich die Papierfabrik an der Sihl und die Druckerei Orell Füssli. Zudem prägte zahlreiches Kleingewerbe das Quartier.
Küferei Belser beim heutigen Haslerhof, zwischen West- und Seebahnstrasse (alle Fotos aus: 125 Jahre Zunft zu Wiedikon, Zürich 2022)
Küferei Belser beim heutigen Haslerhof, zwischen West- und Seebahnstrasse (alle Fotos aus: 125 Jahre Zunft zu Wiedikon, Zürich 2022)
Ziegelei Tiergarten und Heuried zwischen 1925 bis 1928
Ziegelei Tiergarten und Heuried zwischen 1925 bis 1928

Bevölkerung

Bis 1900 lebten in Wiedikon vorwiegend Landwirte, Taglöhner, Weber, Zettler, Fabrikarbeiter und Handwerker. Nach 1900 wurde die Bevölkerung Wiedikons mit der Beheimatung von Kaufleuten, Lehrern, Studierten und Bankern gehobener sowie durch immer mehr Zuzüger aus dem Ausland belebter. 1880 und 1920 fanden grössere Einreisen von ostjüdischen Flüchtlingen statt, Wiedikon wurde das «Stettle an der Sihl».

Das älteste Bevölkerungsverzeichnis von 1637 umfasste 400 Personen. 1870 zählte Wiedikon schon 2848 Einwohner. 1894 waren es 8925 Wiediker und 2021 lebten 51 122 Einwohner im Kreis 3.

Kirchliches Leben

Vor 1882 gab es in Wiedikon noch keine eigene Kirchgemeinde. Zusammen mit Enge und Aussersihl gehörte man bis zu diesem Zeitpunkt zur Kirchgemeinde St. Peter. Allerdings hatten die Reformierten bereits ein eigenes Kirchlein, nämlich das in den Jahren 1789 bis 1791 erbaute und an der Schlossgasse gelegene Schul- und Bethaus. Vor dessen Bau wurde ein kleines Haus benutzt, das neben dem damaligen Gesellenhaus «Falken» stand und in welchem der Wiediker Katechet Kinderlehre und Abdankungen für die Verstorbenen hielt. Das Bethaus wurde vom damaligen Pfarrer am St. Peter, Johann Caspar Lavater, geweiht.

Die wachsende Einwohnerzahl führte dazu, dass die inzwischen selbständige Kirchgemeinde Wiedikon über den Bau einer neuen Kirche nachdachte. Die Kirchgemeindeversammlung vom 29. April 1894 beschloss den Bau einer neuen Kirche auf dem Rebhügel.

Treibende Kraft in der kirchlichen Baukommission war Dr. Friedrich Meili, der nicht nur als Pfarrer amtete, sondern auch als Privatdozent an der theologischen Fakultät der Universität Zürich praktische Theologie dozierte, als Präsident der Kirchenpflege sowie als Schulpfleger und grosser Förderer des Turnens und als Gründer des Turnvereins Wiedikon wirkte. Die Bauzeit belief sich auf nur eineinhalb Jahre, was damals als Rekord betrachtet wurde. Die Einweihung konnte, wie von der Baukommission prognostiziert, am 29. November 1896 gefeiert werden.

Spannungen zwischen Reformierten und Katholiken

Beinahe gleichzeitig gab es an der Aemtlerstrasse zwei kirchliche Baustellen, nämlich einerseits bei der Gertrudstrasse, wo die katholische Kirche Herz-Jesu mit dem Johanneum 1921 fertig gestellt wurde, und andererseits an der Kalkbreitestrasse, wo das Zwinglihaus bis 1925 errichtet wurde. Das Verhältnis zwischen den katholischen und reformierten Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern war anscheinend nicht allzu harmonisch. Es sei oftmals vorgekommen, dass Baumaterial von der einen Baustelle auf die andere Baustelle «wanderte».

Nicht nur die Zahl der reformierten, sondern auch die der katholischen Bevölkerung Wiedikons erhöhte sich. Dies führte dazu, dass auf dem Friesenberg ebenfalls Gotteshäuser errichtet wurden. Bereits in den Jahren 1932 bis 1933 entstand am Borrweg die katholische Kirche St. Theresia. Ein Jahrzehnt später, zwischen 1941 und 1947, die reformierte Kirche Friesenberg mit Saalbau, Pfarrhaus und Unterrichtsgebäude. 1950 löste sich der Spitel im Friesenberg von der reformierten Kirchgemeinde Wiedikon und bildet ab diesem Zeitpunkt die Kirchgemeinde Friesenberg.

Durch die rege Bautätigkeit im nördlichen Teil Wiedikons entstand eine weitere Kirchgemeinde, nämlich 1952 jene im Sihlfeld, die Mitte der Sechzigerjahre mit der Andreaskirche im Gebiet des Heiligfelds ein weiteres Gotteshaus erhielt. Auch an der Gutstrasse entstanden neue Wohnungen und 1961 eine weitere Kirche, nämlich die Thomaskirche mit Saalbau, Pfarrhäusern sowie Verwaltungs- und Unterrichtsräumlichkeiten an der Burstwiesenstrasse. 1963 erfolgte eine weitere Abspaltung, indem sich die Angehörigen der Thomaskirche von der Kirchgemeinde Sihlfeld trennten und die Kirchgemeinde «Im Gut» gründeten.

Rückgang der Konfessionszugehörigkeit

Anfang der Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts zählte man in der Stadt Zürich noch rund 230 000 Reformierte, wovon rund 28 700 auf die vier auf dem Quartiergebiet liegenden Kirchgemeinden entfielen. Seit Mitte der Siebziger Jahre nahm jedoch die Zahl der reformierten Bevölkerung im Quartier Wiedikon und in der Stadt Zürich rapide ab. Das führte dazu, dass sich die reformierten Kirchgemeinden in der Stadt Zürich auf Beginn des Jahres 2019 zur Kirchgemeinde Zürich zusammenschlossen. Gehörten vor diesem Zusammenschluss auf Stadtgebiet noch knapp 82’800 Personen der reformierten Kirche an, zählte man in den vier reformierten Kirchgemeinden auf Wiediker Boden nur noch etwas mehr als 9’538 Kirchenangehörige.

Geschichtliche Meilensteine

1415
Öffnung von Wiedikon (Vogtei), das vorher zum Fraumünsterstift gehörte
1620 Die Gemeinde Wiedikon kauft das Haus Heinrich Kellers, um es fortan als Gerichts- und Schulhaus zu betreiben, später als Gesellenhaus (heute Gasthof Falken)
1700 Bau des ersten Bet- und Schulhauses, später Gemeindekanzlei
1787 Aussersihl wird als Gemeinde von Wiedikon abgetrennt
1789 Wiedikon erhält seinen ersten eigenen Friedhof. Vorher fanden Bestattungen bei der Kirche St. Peter statt
1803 Wahl des ersten Gemeinderats
1834 Bau der Papierfabrik an der Sihl, des ersten Industriebetriebs in Wiedikon. Eidgenössisches Schützenfest auf der Aegerten
1847 Eindeckung des Dorfbaches und Bau der Strasse vom Zweierplatz bis Triemli
1850 Entstehung der mechanischen Ziegeleien, bisher Ziegelhütten
1857 Erste Postsstelle in Wiedikon
1875 Eröffnung der Uetlibergbahn und Inbetriebnahme der linksufrigen Zürichseebahn, die Wiedikon durchfährt
1877 Eröffnung des Zentralfriedhofs Sihlfeld
1881 Die Strassen in Wiedikon erhalten Namen, so die Birmensdorferstrasse
1897 Gründung der Zunft zu Wiedikon
1898 Das erste Tram fährt nach Wiedikon (Rösslitram). Eröffnung der Schiessanlage Albisgüetli
1917 Gründung des zweiten (heutigen) Quartiervereins Wiedikon
1927 Tieferlegung der Seebahngleise, neuer Bahnhof Wiedikon
1937 Eröffnung neue Brandwache an der Manessestrasse

Erste Strassenbahn in Wiedikon 1898
Erste Strassenbahn in Wiedikon 1898
Bau des Bahnhofs Wiedikon, 24. Juni 1926
Bau des Bahnhofs Wiedikon, 24. Juni 1926

Lesen Sie nächste Woche: Geschichte der Wiediker Vereine und des Vereinskartells